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Bericht über die Jahrestagung 2012

16. und 17. November 2012 in Leipzig

Programm

Zum zweiten Mal in der Historie der IASA-Ländergruppe war das Deutsche Musikarchiv (DMA) der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) Gastgeber der Jahrestagung unserer Vereinigung. Inzwischen von Berlin nach Leipzig übersiedelt, erfüllt das DMA als Abteilung der Deutschen Nationalbibliothek nicht nur den gesetzlichen Auftrag zur Sammlung von Musikalien und Tonträgern, sondern ist zugleich auch Deutschlands wichtigstes musikbibliografisches Informationszentrum.

Vor diesem Hintergrund konnte Michael Fernau, Direktor der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig und Leiter des Deutschen Musikarchivs, im Jubiläumsjahr der DNB mehr als 60 interessierte Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer im eindrucksvollen Palais am Deutschen Platz begrüßen. Fernau schlug den Bogen von der Bibliotheksgründung im Jahr 1912 als ursprünglich privater Einrichtung des Buchhandels über die Gründung des DMA 1970 bis in die Gegenwart und Zukunft eines hochmodernen Musikinformationszentrums mit „einer steten Weiterentwicklung in Richtung Phonotheken”. Ein besonderer Hinweis galt der sehr gelungenen Präsentation des DMA aus Anlass des ebenfalls in diesem Jahr zu feiernden 800-jährigen Bestehens der Leipziger Thomasschule und ihres weltberühmten Chors.

Dem Verfasser dieses Berichts ist es eine freudige Pflicht, im Namen des Vorstands und der Mitglieder der IASA-Ländergruppe dem Hausherrn und besonders dem hochprofessionellen Ortskomitee um Wibke Weigand und Torsten Ahl für die perfekte Organisation und Durchführung dieser Konferenz, für großes Engagement, kreative Programmgestaltung und nicht zuletzt eine äußerst angenehme Arbeitsatmosphäre zu danken. Mit dem Rückblick auf die wunderbaren Tage in Leipzig ist natürlich die Hoffnung verbunden, an diesem in vielerlei Hinsicht besonderen Ort bald wieder einmal ein Treffen unserer Gruppe abhalten zu dürfen.

Als Leiterin des Referats Erwerbung und Formalerschließung und stellvertretende Leiterin des DMA seit Herbst 2011 im Amt, bekannte Wibke Weigand in ihrer offenen und sympathischen Art, dass sie „als Nur-Bibliothekarin zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, was die IASA ist“. Während der Arbeit an Organisation und Programm der Tagung habe sie aber die interessanten Themen der IASA kennen gelernt und freue sich, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer spannenden Tagung willkommen heißen zu dürfen.

Pio Pellizzari, der zugleich als Vorsitzender der Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V. und als Vizepräsident der internationalen IASA sprach, dankte der Deutschen Nationalbibliothek und dem Deutschen Musikarchiv sowie allen Beteiligten für die herzliche Aufnahme und die hervorragende Vorbereitung dieser Tagung. Er brachte seine besondere Dankbarkeit für die Ehre zum Ausdruck, mit dieser Konferenz eine der hundert Veranstaltungen zur Feier des einhundertsten Geburtstages der Deutschen Nationalbibliothek beisteuern zu dürfen und übermittelte die Grüße und Glückwünsche des IASA Executive Boards und der Präsidentin Jacqueline von Arb. Da die Vorstellung des Tagungsteams zum Ende hin immer etwas untergehe, überreichte Pio Pellizzari unter dem Beifall des Plenums ein süßes Dankeschön an Herrn Ahl, Frau Weigand, Frau Koschnick, Herrn Kelbassa, Frau Radek und Herrn Rupp.

Im von Jochen Rupp moderierten Eröffnungsblock „Das Deutsche Musikarchiv der Deutschen Nationalbibliothek” widmete sich zunächst Wibke Weigand in ihrem Vortrag „Sammeln, Bewahren, Archivieren – Vorstellung des DMA am neuen Standort Leipzig″ der Geschichte und den Aufgaben ihrer 1961 als „Deutsche Musikphonothek″ ins Leben gerufenen Institution. Entsprechend dem deutschen Pflichtexemplarrecht im Rahmen des nationalbibliothekarischen Auftrags wird „Vollständigkeit ohne Wertung″ angestrebt. Die Sammlung umfasst derzeit rund 1,7 Millionen Musikmedien aller Art, darunter fast eine Million Musiktonträger, die in klimatisierten Magazinen in jeweils zwei Exemplaren getrennt an den Standorten Leipzig und Frankfurt am Main aufbewahrt werden. Zu den Sondersammlungen gehört das GEMA-Archiv mit seinem Bestand der Jahre 1945-1974. Ein besonderes Augenmerk der Sammeltätigkeit gilt der neuesten Gegenwart und Zukunft. Mit dem Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek von 2006, in das die Sammlung unkörperlicher Werke Eingang gefunden hat, wird der Internationalisierung und Digitalisierung des Musikmarktes Rechnung getragen. Problematisch ist diese Entwicklung allerdings im Hinblick auf das Verschwimmen der früher klar umrissenen geografischen Vertriebsgrenzen. Das Vermitteln und Verfügbarmachen der Bestände wird im hochmodernen Musiklesesaal des DMA ermöglicht, der achtzehn teilweise sogar mit Klaviatur ausgestattete Arbeitsplätze zum Musikhören bzw. der Arbeit mit Notenmaterial bietet. Neben einer Ausstellung historischer Musikinstrumente besitzt das DMA ein höchsten Ansprüchen genügendes Tonstudio für die Digitalisierung seiner Bestände.
Torsten Ahl, der von der Teldec im Jahr 2008 als Tonmeister zum DMA kam, stellte in seinem Referat Digitalisierung historischer Tonträger im DMA die umfangreichen analogen und digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten im Studiobereich des DMA vor. Im Rahmen eines Digitalisierungsprojekts wird die Langzeitarchivierung der mehr als 160.000 historischen Tonträger umgesetzt. Beim Umzug im Jahr 2010 wurde die hochwertige analoge Ausstattung komplett von Berlin nach Leipzig überführt. Ein digitales Mehrkanalstudio mit 96 kHz und ein Umschnittstudio mit 192 kHz Abtastrate bieten hier durch entsprechende Verkabelung den Synchronstart über beide Räume. „Alles Laute″, so Torsten Ahl, sei in den separaten Serverraum verbannt. Die Bearbeitung und Migration geschieht mit Modulen des Anbieters Cube-Tec, so etwa die Migration via Dobbin. Eine komplexe Vernetzung ermöglicht die Bereitstellung des Signals bis zum Player im Lesesaal.

Im folgenden, ebenfalls von Jochen Rupp moderierten „Praxisworkshop″ berichtete Tom Lorenz, als Geschäftsführer und Tonmeister beim Bremer Unternehmen Cube-Tec International zuständig für Audio-Archivlösungen, unter dem Titel Digitalisierung und Bereitstellung: Problemstellungen und Lösungen über die von der DNB in Auftrag gegebenen Projekte CD-Migration und Realisierung des Tonstudios. In beiden Fällen war nicht nur die Ausstattung mit geeigneten Hardwarekomponenten verlangt, sondern auch auf die jeweiligen Arbeitsanforderungen zugeschnittene Software und deren Vernetzung. Ergänzend skizzierte Lorenz das umfangreiche Portfolio seiner Firma und setzte den Akzent besonders auf die technologische Weiterentwicklung seit den Anfängen von Cube-Tec vor etwa fünfzehn Jahren bis heute.

Torsten Ahl knüpfte an die Ausführungen des Vorredners an und ging zunächst auf die Nutzung des Tonstudios ein. Hier wird Quadriga als Mastering-Tool (mit der Einspielmöglichkeit vom Schnittcomputer im Umschnittstudio aus) eingesetzt. Anschließend zeigte Ahl in seinem Beitrag Restaurierung: Die Verbesserung der Klangqualität bei Schellackplatten an verschiedenen Beispielen aus seiner Praxis den Umgang mit den Problemen der Schellackrestaurierung. Eine besondere Herausforderung liegt in der Umsetzung von Benutzungsaufträgen, die die Digitalisierung kaum noch abspielbarer Schellackplatten beziehen. Die Auswahl der geeigneten Nadeln und Abtastung solcher durch das oftmalige Abspielen mit Stahlnadeln „ausgekratzter″ Rillen gehört zu den „Höchstschwierigkeiten″ im Studio. Am Hörbeispiel einer Gesangsplatte aus dem Jahr 1922 etwa wurde deutlich, dass zum eher einfach zu berechnenden Problem des Knackens und Knisterns der weitaus gravierendere Rauschpegel im Signal selbst hinzu kommt. Ist dieses sehr laut, gibt es eine Resonanz und Rückkopplung von der Membran zur Nadel, die dann gerade die lauten Bereiche stark schädigt und das Ausspielen zum großen Problem macht. Ein weiterer, von Torsten Ahl veranschaulichter Problemfall betraf das aufgrund von Ungenauigkeiten der Fertigung nicht exakt im Plattenzentrum sitzende Mittelloch, wodurch Fliehkräfte entstehen, als deren Folge moduliertes Rauschen entsteht, was sehr schwierig heraus zu rechnen ist. Mit einer Reihe weiterer Beispiele und lebhafter Beteiligung des Publikums ging ein hochinteressanter Vormittag zu Ende.

In den Nachmittagsvorträgen präsentierte Moderatorin Wibke Weigand „Leipziger Töne″. Den Auftakt bildete ein Referat der Musikwissenschaftlerin Cornelia Thierbach, die sich selbst als „Leipzigerin mit Herz und Seele″ vorstellte und eindrucksvoll die außerordentliche Bedeutung der Musikstadt Leipzig illustrierte. Eine Ausnahmestellung unter den Orchestern und Chören der Stadt nimmt das Gewandhausorchester ein, das mit seiner Gründung um das Jahr 1750 das älteste nicht höfische Orchester der Welt ist. Die „Kaufmannskonzerte″ des Orchesters können als eine Frühform des Kultursponsorings gesehen werden. Von den „Großen Konzerten″ der Konzertgesellschaft, die die Veranstaltungsform des Abonnementkonzerts begründete, führt die ununterbrochene Tradition der Gewandhauskonzerte bis in unsere Zeit. Herausragende Leiter des Orchesters waren Mendelssohn Bartholdy und in neuerer Zeit Kurt Masur und Herbert Blomstedt. Die wichtigsten Musikverlage wie Breitkopf & Härtel, Schott und Peters ließen sich in Leipzig nieder. Die Thomas- und Nikolaikirche sind mit dem Namen des Thomaskantors Johann Sebastian Bach verbunden, und Richard Wagner wirkte an der Alten Nikolaischule. Dies und vieles mehr ließ die schöne Idee der „Leipziger Notenspur″ entstehen: Das Projekt der Musikhochschule bietet interessierten Erwachsenen und Kindern die Erkundung der Musikstadt Leipzig zu Fuß oder per Fahrrad. In den Boden eingelassene Wegmarken führen zu zahlreichen Stationen, an denen via Internet oder mit dem Mobiltelefon Informationen, Klangbeispiele und Hörszenen abgerufen werden können.

Martin Detmer, Leiter des Service-Centers Hörfunk beim Mitteldeutschen Rundfunk in Halle, zeigte anschließend die Fortentwicklung des MDR-Archivs und wählte hierfür den Zeitraum vom Besuch der IASA-Ländergruppe im Herbst 2000 bis zur gegenwärtigen Tagung. Das Audioarchiv beherbergt nicht nur Tondokumente des Raumes Leipzig-Halle, sondern ist eine Abbildung des gesamten mitteldeutschen Raumes. Im Jahr 2003 wurde der schon beim BR bewährte Medienbroker eingeführt, der bis heute um etliche Dienste erweitert wurde, beispielhaft etwa „Allgemeine Klänge″ als optimiertes Angebot für die verschiedenen Programmredaktionen. Weitere Wegmarken bis zum aktuellen Stand waren die Einführung des Online-Speichers zur Ablösung des Bandroboters, aber auch der Ausstieg aus dem ARD-Projekt HFDB im Zuge des Umbaus des MDR-eigenen Umfelds zum Hörfunkarchiv-Managementsystem HAMS, in dem die Komplettübernahme aller ZSK-Daten stattfindet.

„Die Lust an der unerreichbaren Vollständigkeit″ beschrieb Claus Fischer, als freier Autor und Redakteur in Leipzig für den Hörfunk der ARD tätig. Als Schellacksammler seit 1987 aktiv, schilderte er die Entwicklung seiner Leidenschaft und die offenkundig unstillbare Sehnsucht nach Vervollkommnung der eigenen Sammlung. Das eigene Hobby sieht Fischer durchaus als „Dienst an der Allgemeinheit″, indem dabei „Verschüttetes wieder ans Tageslicht″ gebracht werde. Wesentliche Aufgabe sei dabei, das Gefundene in den entsprechenden Kontext zu stellen. Folgerichtig präsentiert Fischer seit zwanzig Jahren im Deutschlandradio die Sendereihe „Fundstücke″ mit von ihm entdeckten historischen Aufnahmen. Zwei besondere gehobene Schätze illustrierten die Ausführungen: „Mein lieber, guter Paul″, ein rares Chanson der Diseuse Vicky Werkmeister aus dem Jahr 1929, und den einzigen bekannten O-Ton Christian Schreibers, des ersten römisch-katholischen Bischofs der 1929 neu geschaffenen Diözese Berlin. Abschließend mahnte der Referent, sich als Sammler nicht nach außen abzuschotten, sondern sich seiner Aufgabe bewusst zu sein. Hierzu gehöre auch „ein ordentlich geregelter Nachlass, um nicht die Arbeit eines ganzen Sammlerlebens zunichte zu machen″.

Eine Reihe von Führungen durch die sehenswerten Räumlichkeiten der Deutschen Nationalbibliothek, das Deutsche Musikarchiv mit seiner Sammlung historischer Abspielgeräte und das Tonstudio, durch das Gewandhaus und seine Tontechnik, sowie am Abend durch das Museum für Musikinstrumente im Grassi Museum rundete einen sehr gelungenen ersten Konferenztag ab. Verdientermaßen ließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Abend bei dem einen oder anderen Glas - nicht nur auf Goethes Wohl - in Auerbachs Keller ausklingen.

Mit der Mitgliederversammlung der Ländergruppe am Samstagmorgen begann traditionell der zweite Tag der Jahrestagung. In diesem Jahr war turnusgemäß ein neuer Vorstand zu wählen. Kurt Deggeller durfte sich als Vorsitzender des Wahlausschusses über eine hohe Wahlbeteiligung an der im Laufe des Sommers durchgeführten brieflichen Abstimmung freuen und begrüßte als Vorstandsmitglieder für die Amtszeit bis 2015: Pio Pellizzari (Vorsitzender), Claus Peter Gallenmiller, Mary Ellen Kitchens und Jochen Rupp (stellvertretende Vorsitzende), Anke Leenings (Schatzmeisterin). Satzungsgemäß schied Ulrich Duve nach zwei Amtszeiten als stellvertretender Vorsitzender aus. Da für den nach achtzehn Jahren im Amt des Sekretärs nicht mehr kandidierenden Detlef Humbert kein Nachfolger gefunden werden konnte, wird Anke Leenings vorläufig dessen Vorstandsaufgaben übernehmen. Mit beratender Stimme gehört dem Vorstand weiterhin Michael Crone als Altersvorsitzender („Immediate Past President″ in der Diktion der internationalen IASA) an.

Der übrige Samstagvormittag gehörte dem von Detlef Humbert moderierten Offenen Forum, das wie üblich Raum für eine Anzahl kürzerer Beiträge bot. Im ersten Referat stellte Marc Rohrmüller, Leiter der Mediathek der SLUB Dresden, die Frage Was bedeuten aufnahmetechnische Schönheitsfehler, wenn wir die Kunst großer Sänger erleben können? und präsentierte das von der DFG geförderte Projekt der Mediathek „Archiv der Stimmen″, dessen Kern die Schellackplattensammlung des Malers Paul Wilhelm bildet. In Kooperation mit der Gesellschaft für Historische Tonträger ist seit Ende November die „Digitale Online Bibliothek″ mit der Verlinkung der Datensätze und Musikdateien frei zugänglich.

Joachim Hack, Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, erstattete im Anschluss seinen Erfahrungsbericht „CD-Migration der DNB – Vom Projekt in die Produktion″. Bislang wurden im Zwei-Schicht-Betrieb mit maximal 800 CDs täglich bereits 112.000 CDs der Jahrgänge 1983 bis 1994 via Cube-Tec/Dobbin eingelesen, weiterverarbeitet und via 4 Mbit/s-Standleitung in das Langzeitarchiv der DNB in Frankfurt am Main transferiert.

Hacks Frankfurter Kollege Jochen Rupp zeigte das hochinteressante DNB-Geschäftsmodell Creative Commons Zero, unter dem gemeinfreie Metadaten für beliebigen kostenlosen Gebrauch angeboten werden. Über den Online-Katalog aller Daten, den Datenshop und die zugehörigen Schnittstellen führte Rupps kurzer Streifzug zum Projekt „DP4Lib″, in dem die DNB und ihre Projektpartner einen hervorragenden Leitfaden zur digitalen Langzeitarchivierung sowohl im Rahmen eigener Projekte als auch zur Nutzung durch andere Institutionen erstellt haben.

„Österreich am Wort″ – eine wissenschaftliche Quellenedition im Internet präsentierte die Leiterin der Österreichischen Mediathek Wien, Gabriele Fröschl. Ausgehend von der Fragestellung, wie Internet-Präsentationen dauerhaft erhalten werden können, widmete sich die Referentin auch der Frage, ob man unter ethischen oder historisch-politischen Aspekten jedwedes Audiomaterial (z. B. NS-Dokumente) frei zugänglich machen sollte. Mediathek-Nutzer können sich unter der Rubrik „Meine Mediathek″ mit einem Ticket für einen begrenzten Zeitraum anmelden. Als sehr „kundenfreundlich″ erweisen sich hierbei assoziative Zugänge für Nutzer aus dem Bildungsbereich.

Pio Pellizzari, Direktor der Schweizer Nationalphonothek Lugano, zeichnete den Weg des Nachlasses des Schweizer Dirigenten Otto Ackermann Von Heidmoor nach Lugano. Die Vervollkommnung, Pflege und Bewahrung dieses großartigen Bestandes an Dokumenten aller Art ist das persönliche Lebenswerk unseres Mitglieds Gert Fischer aus dem schleswig-holsteinischen Heidmoor. Fischer, der diese Arbeit aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr fortführen konnte, hat das gesamte Otto-Ackermann-Archiv nicht nur vorbildlich geführt, sondern auch beizeiten Vorsorge für die Übergabe an eine geeignete Institution getragen. Zum Ziel der kulturhistorischen Nutzung findet in Lugano eine vollständige Kontextualisierung des Nachlasses statt.

Zum 14. Diskografentag 2013, der vom 7. bis 9. Juni im Afrikazentrum der Universität Bayreuth stattfinden wird, lud Christiane Hofer, Präsidentin der Gesellschaft für Historische Tonträger Wien ein. Dazu gab sie einen lebendigen Rückblick in Bildern auf die ersten zehn Jahre der 2002 gegründeten GHT und das 2008 ins Leben gerufene internationale Lindström-Projekt.

Anke Leenings, ständige Vertreterin des Vorstands des Deutschen Rundfunkarchivs am Standort Frankfurt am Main, informierte über den positiven Abschluss des sich über zwei Jahre erstreckenden ARD-Prüfprozesses zur Zukunft des DRA. Beide Standorte in Frankfurt und Babelsberg sind für die nächsten Jahre gesichert. Nachfolger des zum Jahresende 2012 in den Ruhestand gegangenen Vorstands Michael Crone ist Bernd Hawlat, Jurist und zuletzt tätig im Justiziariat des HR und im ARD-Generalsekretariat. Vornehmliches Ziel ist die schnellstmögliche Digitalisierung aller DRA-Bestände an beiden Standorten.

Den Abschluss des Programms dieser Tagung bildete eine ebenso spannende wie lebhafte Podiumsdiskussion zur Frage „MP3-Dateien als Archivformat?″ Moderatorin Mary Ellen Kitchens konnte zunächst Olaf Korte, Leiter Broadcast Applications – Audio Codierung beim Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen, begrüßen, der in einem Impulsreferat in die Thematik einführte. Die Erfolgsgeschichte des von der Moving Picture Experts Group entwickelten ISO-Standards MPEG-1 Layer 3 nahm ihren Ausgang Anfang der 1970er Jahre mit der Idee Prof. Dieter Seitzers, Sprache - und einige Jahre später auch Musiksignale - in hoher Qualität via Telefonleitung zu übertragen. Vom Erlanger Expertenteam wurde „dank unermüdlicher Entwicklungsarbeit und zielgerichteter Vermarktung″ (Heinz Gerhäuser) der Erfolgsweg begründet, der 1987 zum ersten „Echtzeit-Codec″ führte und unter dem Dateikürzel .mp3 den weltweiten Musikmarkt revolutionierte (sehr lesenswert hierzu die Website www.mp3-geschichte.de des Fraunhofer-Instituts).
Korte erläuterte allgemeinverständlich die Grundlagen der Audio-Codierung („Ein Audio-Codec erkennt die hörbaren Signalanteile und speichert diese sehr genau ab.″), verdeutlichte psychoakustische Zusammenhänge, erklärte dabei Begriffe wie Irrelevanz oder Maskierung und zeigte die Unterschiede zwischen lossless und lossy coding, also verlustfreier Datenkompression und verlustbehafteter Datenreduktion. Sehr eindrucksvoll waren hierbei die von Torsten Ahl sorgsam zusammengestellten Musikbeispiele mit linearen, MP3-codierten (hörbaren) und heraus gerechneten (nicht hörbaren) Signalen, die für manche Überraschung der Zuhörerschaft sorgten.
In der folgenden Diskussion kamen neben Korte, Kitchens und Ahl als weitere Experten Alfred Engelmeier vom Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels und Jürgen Mahrenholz, Leiter der Musikdokumentation des Saarländischen Rundfunks, zu Wort. Die Teilnehmer auf dem Podium stimmten mit dem lebhaft mit diskutierenden Publikum darin überein, dass der Einsatz eines codierten Audioformats immer in Abhängigkeit von Auftrag und Zweckbestimmung zu sehen und immer verantwortungsvoll geprüft werden muss. Im Hinblick etwa auf zukünftige Nutzer von Produktionsarchiven muss der Erhalt des linearen Formats, wo immer möglich, im Vordergrund stehen. Demgegenüber stehen wirtschaftliche Anforderungen, sich verändernde Hörgewohnheiten, moderne Mobilität und der Wunsch nach allgegenwärtiger Verfügbarkeit. Als „gemeinsamen Nenner″ aller Aspekte forderte Olaf Korte unter allgemeiner Zustimmung die Langlebigkeit des hochqualitativen Signals, das möglichst wenig Rechenvorgängen unterzogen und so wenig wie möglich transcodiert werden sollte.
Die Diskussion machte deutlich, dass die Entwicklung des MP3-Standards gleichermaßen mit Gefahren und Chancen verbunden ist: Wird jungen Menschen die „Hörfähigkeit″ quasi abgewöhnt oder wird das Interesse an der Vielfalt des Angebots, an seiner Verschiedenartigkeit auch in puncto Qualität geweckt? Für den professionellen Einsatzbereich (Medienarchive) ist die genaue Metadatendokumentation vom Ausgangsmaterial bis zu den folgenden Signalgenerationen unerlässlich. MP3 ist ein Wirtschaftsfaktor, der weltweit Milliardenumsätze bringt und allein in Deutschland rund 10.000 Arbeitsplätze beschäftigt. Als Kulturphänomen ist MP3, so eine Stimme aus dem Plenum, die „wahrhaftige Abbildung des Sounds der heutigen, damit aufgewachsenen Generation″.

Mit Blick auf die vorangegangene Diskussion, aber auch die Zielsetzungen der IASA-Ländergruppe selbst, wies Pio Pellizzari in seinem Schlusswort auf ein Programm an Schweizer Gymnasien hin, wo Schüler im Rahmen des Musikunterrichts „ihre Musik vom iPod hören und anschließend LP-Clubs gründen: Es gibt Hoffnung″. Der Dank des Vorsitzenden der Ländergruppe an die Deutsche Nationalbibliothek und das Deutsche Musikarchiv für die perfekte Durchführung dieser spannenden und abwechslungsreichen Veranstaltung beschloss die Jahrestagung 2012.

Detlef Humbert
IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V.